Dienstag, September 19, 2006

Versöhnt

Heute habe ich mich mit North Carolina versöhnt.

Nachdem meine beiden entzückenden Mitreisenden Jules und Ben das Weite gesucht haben, bin ich heute mutterseelen alleine aufgebrochen den Staat weiter zu erkunden.

Ich bin praktisch nur übers Land gefahren, bin Städten ausgewichen und habe verlassene Ecken gesucht.

Und da zeigte sich doch ein anderes Bild als das des künstlichen Charlottes und seiner Trabanten. Gelegentlich waren die Szenen so urwüchsig und entzückend kitschig amerikanisch, daß ich mich spontan verliebt habe.

Zuerst fällt freilich auf, daß die Amerikaner sich wahnsinnig Mühe gegeben haben, ihre Einwohner auf diesem riesigen Land möglichst gleichmässig zu verteilen. Das ist so ungefähr so, als würden sich auf einer Party 10 Leute in einem 100 Quadratmeter-Raum so zerstreuen, daß sie sich nur noch durch Zurufe verständigen könnten. So ganz hat sich mir nicht erschlossen, wieso man hier so panische Angst vor Siedlungsbildung zu haben scheint.

Gleichzeitig liebt der Amerikaner erkennbar sein Haus. "My home is my castle" trifft es dabei nur ungenügend. "My home is my painting" kommt der Wahrheit näher. Und der vielgerühmte Südstattenstil, kann in den meisten Fällen nur eine verzweifelte Ausrede für den oft überbordernden Schmuck sein. Aber ehrlich: Es ist wunderbar.

Das ganze gehört natürlich noch geschützt. Deswegen steht vor jedem zweiten Haus auch eine kleine oder größere amerikanische Flagge. Ein Symbol, daß bei diesem Overkill an Fahnen für den Außenstehenden auch nur noch bedingt zur Identifikation geeignet ist.

Das Christentum ist hier allgegenwärtig. Ich befinde mich ja schon in den ersten Ausläufern des Bible-Belts und das sieht man. Ich staune, wieviele christliche Religionen es hier gibt. Wegen der kleinen Grundstückspreise scheint sich jede noch so kleine Glaubensgemeinschaft Ihren Palast gebaut zu haben. Aber auch Container-förmige Kirchen findet man. Und immer wieder rührende Reklamesprüche aus der Moral-Mottenkiste. Aber sogar mir altem Agnostiker ist immer wieder das Herz aufgegangen. Ich glaube, ich bin heute ein wenig Amerika-sentimental geworden.

Und ich war wieder in einem Supermarkt und siehe da, ich fange an den Warenüberfluß zu geniessen. Und noch schlimmer: Heute habe ich das erste Mal auf einem Parkplatz das Auto um 30 Meter versetzt, weil ich noch in einen anderen Laden auf der anderen Seite schauen wollte. Peinlich. Aber ich werde es wieder tun.

Auf dem Rückweg fuhr ich mitten in einer Waldwüste (will sagen: viel Wald, aber keine Häuser) an einer Sattlerei vorbei. Ich stieg aus, machte zwei Fotos und klopfte. Es öffnete der vielleicht 80-jährige Inhaber, natürlich schon längst in Rente, aber unfähig von seiner Lebensarbeit zu lassen. Kunden seien mittlerweile freilich rahr, gab er zu, aber er führte mir stolz die schweren Lederverarbeitungsmaschinen vor. Ich verstand seinen Akzent nur schwer, aber seine Augen leuchteten soviel Sprache, daß wir uns auch lächelnd anschweigen konnten. Jetzt habe ich eine kleine Gürtelschnalle als Souvenir und bete, daß die Fotos etwas geworden sind, die ich versprochen habe ihm zu schicken.

Da ich am letzten Tag in North Carolina Selbstzahler geworden bin, bin ich noch in ein Motel umgezogen. Und tatsächlich man hört den Autoverkehr nicht - denn der wird von der Klimaanlage übertönt. Aber ich bin jetzt, weg vom Stadtzentrum Charlottes, erst wirklich in North Carolina angekommen.

Morgen: New York, ich komme. Und ich bin ängstlich aufgeregt, ob ich Dich nach so vielen Jahren wieder erkenne.

1 Kommentar:

Conny hat gesagt…

Wer North Carolina lieben kann, der kann auch New York lieben. No matter if it changed.
Sehr brav übrigends wie Du Deinen Blogg jetzt pflegst!
PS.: Du hättest mal eine dieser Container-Kirchen zum Gottesdienst aufsuchen sollen. Da wird es dann erst richtig bizzar! Hab das mal in Australien erlebt...Unvergesslich. Gottesdienst mit rosa Lichtorgel, kollegkitven Umarmungen und Tränen, kleinerer Teufelsaustreibung und anschließend Wein für jeden aus Mini-Plastik Fingerhüten.
Gute Reise nach New York und bis bald!