Donnerstag, April 15, 2010

Rio 5

Noch eine neue Welt. Tapetenwechsel dürfte hier ein Euphemismus sein.

Über zwei Freunde (Danke Frank, danke Max!) kam ich in Kontakt mit Frigo, einem Schweizer Graffitikünstler, der schon seit vielen Jahren in Rio lebt und jede noch so düstere Ecke der Stadt wie seine Westentasche zu kennen scheint. Immer wieder sprühte er auch in diversen Favelas und vergangene Nacht habe ich ihn auf eine Tour begleitet.

Es ist gegen elf Uhr Abends. Ziel ist die Favela Jacaré im Nord-Westen der Stadt. Wir starten mit einer halsbrecherischen Busfahrt und steigen im Nirgendwo aus. Noch sind wir nur zu zweit, wir sollen den Rest des Trupps vor Ort treffen. Von der Straße führt eine Art Toreinfahrt in etwas Siedlungsartiges. Dreck liegt auf dem Weg, wir passieren Süchtige und Drogenhändler im Dutzend. Ich lerne die erste Regel: Gehe zügig ohne groß nach links und rechts zu sehen; als würdest du das hier zum hundersten Mal machen. Ok, ich versuchs...

Diese Favela ist weit weg davon "befriedet" zu sein, wie es die meisten Favelas im direkten Umfeld von Ipanema und der Copacobana sind. Die Polizei wagt sich hier nur schwer bewaffnet und - wie berichtet wird - reichlich wütig um sich schießend hinein. Kürzlich wurden wieder sechs Bewohner erschossen. Das Sicherheitsempfinden meiner Begleiter wirkt denn auch auf den ersten Blick wie verkehrte Welt: Weil hier keine Polizei Ihr brutales und korruptes Unwesen treiben kann, fühlt man sich relativ sicher.

Wir sind immer noch zu zweit und sind am ersten Treffpunkt angekommen. Ein kleiner Platz in völliger Dunkelheit wie viele Teile der Favela. Teilweise scheinen die Lampen kaputt zu sein, teils wirkt es aber auch wie Methode. Wir warten und ich strenge mich an meine Anspannung zu kontrollieren und nicht feindlich zu wirken.

Als Frigos Freunde kommen, entspannt sich die Szenerie. Plötzlich werden Hände im Umfeld geschüttelt, man kennt viele der Bewohner hier. Die Sprayer werden als legitime Besucher begrüßt. Als ich ein Foto eines Trupps von Motorrad-Taxifahrern machen möchte, reagiert man begeistert - aber missverständlich. Plötzlich stehen die Motorräder alleine da. Fotografieren, das ist die nächste Regel die ich lerne, gerne, aber keine Gesichter oder Personen. Meine Bilder werden reine Architekturstudien werden.

Wir gabeln noch einen Favelabewohner auf. Ein Freund und eine kleine zusätzliche Sicherheitsmaßnahme. Jetzt ist die Mannschaft komplett und man macht sich auf die Suche nach einer geeigneten Wand. Kaum gefunden wird gesprüht und gemalt. Ich fotografiere die Graffitis und Malereien und gelegentlich heimlich in andere Richtungen - und werde prompt zurück gepfiffen. Zu gefährlich. Nicht provozieren ist die Devise.

Und da stellt sich bei mir auch urplötzlich der nötige Respekt ein: Auf einem Motorrad tauchen zwei Aufpasser auf, wie wir sie noch oft sehen werden. Vorne der Fahrer und hinten der Sozius, bewaffnet mit einem modernen Sturmgewehr westlicher Bauart. Beide um die zwanzig. Freundlich, aber sich der Macht ihrer Bewaffnung wohl bewusst. Die gute alte AK-47 scheint ausgedient zu haben. Interessant: ich fürchte mich nicht und habe auch keinen Grund dazu. Natürlich werden diese Aufpasser irgendeinem Gangsterboss unterstehen, aber sie sind nicht betrunken oder bekifft, sondern ziemlich abgeklärt bei der Arbeit. Und unsere Interessen kollidieren einfach nicht.

Man toleriert uns und mit längerer Präsenz scheinen das einzig wirklich Gefährliche völlig wahnsinnige (diesmal unbewaffnete) Motorradfahrer zu sein, die mit oder ohne Mädchen auf dem Rücksitz hupend, schlingernd und ohne Licht die engen Straßen hinab und hinauf rasen.

Plötzlich ein Schuss. Wir blicken den begleitenden Bewohner an, der zuckt nur grinsend mit den Schultern. Analog zur Schwalbe die keinen Sommer macht, ist ein einzelner Schuss auch noch keine Gefahr.

Fakt: Solange keine Polizei auftaucht und wir zwischen die Fronten geraten kann uns kaum etwas passieren. Denke ich und sage ich. Klar, meint Frigo im langezogenen Schweizer Slang, aber irgendwas kann immer passieren. Einfach ruhig bleiben rät er. Na gut.

Nach getaner Arbeit machen wir uns auf die Suche nach einem Imbissstand. Den finden wir mitten im Gewirr der Gäßchen. Die Kamera habe ich auf dem Weg auf Anraten weg gepackt, auch um den zahlreichen "Händlern" keinen Anlass für Ärger zu geben. Es gibt Cola und Hamburger. Wir sitzen auf einem verstaubten Betonvorsprung und es schmeckt verdammt gut. Nochmal schauen ein paar bewaffnete Jungs vorbei, beachten uns aber kaum noch.

Die einzige abschließende Sorge: Beim Verlassen der Favela der Polizei nicht über den Weg laufen. Denn für heute Nacht sind wir einfach auf der falschen Seite. Der falschen? Na jedenfalls der anderen.

Als ich im drei Uhr nachts mit dem Bus in Ipanema ankomme, nehme ich für den kurzen Weg zu meinem Apartment ein Taxi. Die Gefahr hier auf den verlassenen Straßen überfallen zu werden, scheint jetzt deutlich größer als zwischen Maschinenpistolen und Dealern.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

in deinem alter noch so abenteuerlustig?

Daniel M. Humbert hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
Catharine L. Coombs hat gesagt…

Wie gut beschreibt der Autor seine Reise? Wunderbar geschrieben, ich mochte es, es zu lesen! In meinem Blog wird es notwendig sein, meine Reise zum Nordpol zu beschreiben https://poseidonexpeditions.de/arktis/. Es war auch eine aufregende Reise, über die ich gerne erzählen würde. Außerdem habe ich während dieser Reise viele einzigartige Fotos gemacht. Danke für die tolle Idee!